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Stadtblicke – eng, in Herzform, kreativ genutzt und tomatig

In der westmittelfränkischen Stadt Dinkelsbühl trifft Historie auf Modernes

Dinkelsbühl, März 2014
Es ist eng und es knackst, wenn man die steilen und schmalen Holzstufen bei Fotodesigner Manuel Kresser in der Dinkelsbühler Bauhofstraße 5 zum dritten Stock hochsteigt. Der gebürtige Bamberger, Regensburger Akademieschüler und Stuttgarter Student ist mit seiner Freundin nach Westmittelfranken gekommen, da Kerstin Brand in Feuchtwangen ihr Referendariat absolviert. „Als wir durchs Rothenburger Tor in die Dinkelsbühler Altstadt gefahren sind, wussten wir, dass wir hier wohnen wollen“. Hier bedeutet in einer 11.600 –Einwohnerstadt, die mittelalterliche Häuser mit wunderschönen Fassaden hat und trotzdem kein verstaubtes Werk vergangener Jahrhunderte ist. Dinkelsbühl ist eine Stadt, die vor und hinter den Fassaden viel Leben hat. Freilich, manchmal geht es eng und knacksig zu, so wie beim 26-jährigen Neubürger Kresser. Aber nach der Enge des Aufgangs entfaltet sich ein Wohnraum, der durch viele Sichtbalken sehr gemütlich ist und der auch überraschenderweise viel Platz bietet. Genügend Platz für einen Wolfshund, ein kleines Fotostudio, eine Fotoschneidemaschine und was man sonst noch als selbstständiger Fotodesigner und Hundeliebhaber braucht. Die Wände von Kresser`s Wohnung zieren Perspektiven aus seiner neuen Heimatstadt.

Auf seinen Fotografien sind die Tore, Türme und Mauern, die gerade für den Tourismus der Stadt an der Romantischen Straße wie steinernes Kapital die Stadt beschützen, zu sehen.  Auf den Bildern sind aber auch versteckte und verwinkelte Gässchen sowie Stadtansichten zu sehen, die wohl nur die Dinkelsbühler kennen, die dort wohnen. So genormt wie die Stadt und vor allem ihre Fassaden gerade entlang der Haupttrampelpfade erscheinen mögen, so individuell ist jedes Haus für sich doch. „Bei dem Fenster da oben, da ist der Kämpfer nur ein einfaches Querholz, der Querriegel entspricht überhaupt nicht dem `Dinkelsbühler Fenster` und der 4cm breite Wetterschenkel tut noch sein Übriges.“ Wie ein Fassaden-Scheriff deckt Stadtheimatpfleger Rudolf Weigel Haus für Haus die vereinzelten Bausünden seiner Dinkelsbühler Altstadt auf. Ein Blick auf eine Fassade genügt und der 67 - Jährige kann vom Sockel bis zur Dachspitze das Haus nach den Vorschriften der 11-seitigen städtischen Baugestaltungs- und Werbeanlagensatzung scannen. Ein Jahr hat es gedauert bis die Satzung 2010 beschlussfertig formuliert gewesen ist. Sie umfasst für den Altstadtbereich Vorschriften zur Fassade, zum Dach, zum Fachwerk, zu den Leitungen und Antennen, zu Fenstern, Türen und Toren, zu den Fensterläden, zu Schaufenstern, Markisen, Stützmauern und Werbeanlagen – um nur ein paar Paragraphen zu nennen. Dinkelsbühl hat 633 Einzeldenkmäler und 217 Denkmäler, die im Ensemble geschützt sind. Da ist es ein Glücksfall oder besser gesagt schon fast eine Überlebensnotwendigkeit, dass die Stadt als Große Kreisstadt Baubehörde und Untere Denkmalschutzbehörde ist. Dieses Verwaltungszeugs mag zwar nicht wirklich einem Einwohner, Besucher oder Touristen interessieren, aber wenn er ständig an Aluminiumtüren mit vergilbten Strukturglas vorbeischlendern würde, wäre die Ästhetik Dinkelsbühler Häuserromantik spätestens nach der schätzungsweise dritten Haustüre dahin. Laut Weigel sind genau diese Haustüren von fahrenden Händlern, die gut reden konnten und die damals unter nachhaltig eben gerade nicht regionales Holz und ein faszinierendes Stadtbild verstanden, eines der schlimmsten Einbauten der 70er und 80er Jahre.  Mit dieser Erläuterung über die fahrenden Händler ist einem nun klar, warum in den Dörfern in den 70er Jahre-Häusern genau solche Türen die Hausflure zu PVC-Boden oder Standardmusterfliesen eröffnen.
Zugegeben, es macht mehr Spaß vor der zweiflügligen Haustüre zu stehen, die Rudolf Weigel und mir bei dem kleinen Scheriff-Rundgang als Nächstes begegnet. Nebenan im Haus strahlen noch Fensterläden mit einem herausgeschnittenen Herzchen entgegen. Da möchte man glatt nachts mal durchs Herz auf die beleuchtete Mittelalterstadt rausgucken. Ob der Bewohner dies wohl schon ausprobiert hat? Überhaupt würde man beim Außenanblick auf z.B. ganz kleine Fenster, die beinahe vom Fachwerk erdrückt werden, gerne von der anderen Seite rausschauen. Hotelier Joachim Neuhäuser hat Erbarmen mit Stadtentdeckern und führt mich in ein Gästezimmer seines Hotels „Weißes Ross“. Ich bin beeindruckt, wie viel Licht ein Mini Dinkelsbühler Fenster in ein Gästezimmer wirft. Solche Erlebnisse gehören dazu, dass Touristen Dinkelsbühl als eine charmante und besondere Stadt entdecken können.  Da können Einheimische von Touristen sogar profitieren. Die jährlich 550.000 Tagesgäste und 115.000 Übernachtungsgäste fallen nicht nur durch ihre asiatischen Gesichtszüge oder ihre südeuropäische Hautfarbe auf, sondern vor allem durch ihren umhängenden Fotoapparat. Ein Kopfdreher eines Einheimischen dorthin, wo der asiatische oder italienische Fotoapparat hinzeigt, ließe einen Einheimischen so manche architektonische, farbliche oder pflanzliche Besonderheit seiner Stadt entdecken. Mit Blumen verzierte Kämpfer, gemalte Hausnummern und umeinander herumgebaute oberste Stockwerke von Fachwerkhäusern, die aussehen, als würden sie voller Liebe und Hingabe um einen Platz in einem Altstadtgässchen kämpfen, sind bestimmt auf dem ein oder anderen koreanischen Facebook-Profil gepostet.

Umgekehrt ist es für Besucher aus Nah und Fern wichtig, dass sich Alltagswelten auftun, zu denen keine Wegweiser führen. Welten in einer Stadt, die den Besucher erinnern, dass die größte Sehenswürdigkeit immer noch das Leben selbst ist. Und von diesem Leben gibt es in Dinkelsbühl sehr viel und sehr vielfältiges. Es reihen sich Modegeschäft an Hotel an Eisdiele an Kirche an Schmuckladen an  Buchhandlung. Da die charmante gotische Schrift, die für den Firmenschriftzug in der Baugestaltungssatzung festgelegt ist, nicht immer ganz so schnell zu lesen ist, wie das Computer-Arial, muss ich manchmal genau hinschauen, um zu wissen, um welche Nutzung es sich handelt. Die Nutzungen haben sich freilich die letzten Jahrzehnte und Jahre geändert. Wo nun Dinkelsbühler Schneeballen und Hutzelbrot verkauft wird, reparierte und verkaufte früher der Mechaniker seine Fahrräder. Im ehemaligen Blumengeschäft mit angeschlossener Gärtnerei können Kunden Kunsthandwerk und Geschenke finden. Auch werden in Segringer Straße 39  im Jahre 2014 keine Pelze mehr produziert, repariert und verkauft, sondern Schmuck und Accessoires nach wie vor in erster Linie an die Frau gebracht. Interessant ist, dass in dem beinahe majestätisch am Weinmarkt stehenden großen Hotel „Zum Eisenkrug“ einst der Pfarrer in üppiger Wohnfläche scheinbar mit vielen Familienangehörigen residiert hat. Ob es nun an den Privilegien für den Pfarrer lag oder ob der Wohnraum damals dementsprechend großzügiger zur Verfügung stand, darüber will ich nicht spekulieren. Was jedoch fest steht, ist, dass der Wohnraum heute in Dinkelsbühl knapp ist. Nicht nur in den Neubaugebieten, sondern v.a. in Altstadtnähe und in der Altstadt. 820 Sanierungen kann die Bauverwaltung im Zeitraum vom 1. Januar 1998 bis heute auflisten und die Leerstandquote liegt mit 4,5% weit unter dem bayerischen Durchschnitt, der bei ca. 8%  liegt.  Bei aller erfreulichen Zahlenstatistik ist ebenso erfreulich, dass die Hauseigentümer nicht anonyme und fremde Investorenfirmen sind,  sondern zu 85  % aus Dinkelsbühl stammen. Und wie es sich mit der Herkunft der Baufirmen verhält, erkennt der Frager an den VW-Bussen mit den Schriftzügen „Schreinerei Wegert Segringen“ „Raumausstattung Sonntag Nördlinger Straße Dinkelsbühl“ – also regional. „Die Handwerker müssen zu uns kommen und die Skizzen über eine etwaige Fassadenneugestaltung, über neue Türen und neue Fenster freigeben lassen“, erläutert Stadtbaumeister Holger Göttler die Vorgehensweise. Bei allen Baumaßnahmen ist die Stadt darauf bedacht, die Gebäudehistorie und -ansicht möglichst mit den aktuellen Anforderungen an Wärmeschutz, Dämmung, Wohnkomfort, finanziellem Budget und Förderprogrammen in Einklang zu bringen. Holger Göttler spricht da nicht als Theoretiker, sondern als Baumeister. Er hat 2008 aus einer alten Spitalscheune ein Theaterhaus gezaubert, in der ehemaligen Stadtmühle erklingen seit 2013 Trompete und Horn der Dinkelsbühler Knabenkapelle und im verfallenen einstigen Rathaus, können seit 2008 Besucher sich im Museum „Haus der Geschichte“ multimedial in vergangene Jahrhunderte Dinkelsbühls entführen lassen. Derzeit plant und baut der Stadtbaumeister mit seinem Team an der Jugendherberge und am ehemaligen Kloster, das jüngst erworben wurde – kreative Nutzungen sind gefragt. Es wird gebaut und saniert für jung und alt in Dinkelsbühl. Kinderkrippen und ein Schülerwohnheim, genauso wie Seniorenbetreuungen. Eine nagelneue Saunalandschaft sucht weit und breit ihresgleichen an Moderne und Wellnesserlebnis. Eines der letzten Flussbäder Bayerns, das Wörnitzstrandbad, lädt zur Erfrischung und zum Bootfahren in und auf der Wörnitz unter Brücken und entlang der Stadtmauer ein. „Leben in einer alten Stadt“ ist das Motto des jährlichen Stadtfestes und zum Heimatfest „ Die Kinderzeche“ mit historischem Festspiel, Lagerleben, Jahrmarkt und Volksfest sind Dinkelsbühler Babys, Kinder, Mütter, Väter, Omas, Opas und Uris über eine Woche im Ausnahmezustand. Wer irgendetwas mit Musik zu tun hat, kennt ebenso Dinkelsbühl: Städtische Musikschule, Berufsfachschule für Musik und  die Jazzszene gehören zur Stadt. Seit 2006 gehört auch Summer Breeze – das zweitgrößte Metalfestival Deutschlands mit 35.000 Besuchern – zur Stadt. Und wenn es in Dinkelsbühl gerade mal keine größere Veranstaltungen geben sollte, werden die Gehsteige trotzdem nicht hochgeklappt. Beim Luis` trinkt man gerne einen Cocktail auf den Holzstühlen in Barhockerhöhe zwischen Gaststätte und Straßenrand. Auf der Terrasse vorm Meiser`s und vorm Hotel Deutsches Haus wird gerne in einer lauen Sommernacht erst um 21 Uhr gespeist und der Biergarten der Brauereigaststätte „Wilder Mann“ entlang der Wörnitz löscht den Durst nach fränkischem Bier.  „Nach Dinkelsbühl lohnt es sich immer zu fahren, auch wenn es 26 km von uns entfernt ist. Neulich waren wir zum Frühstücken im Café Haagen. Total nett.“, gibt die 36-jährige Erika aus einem Nachbarort zu, ohne ihren eigenen Wohnort beleidigen zu wollen.

Sie ist nicht die einzige „Pendlerin“. 5.161 Arbeitsplätze bietet die Große Kreisstadt im Jahr 2013. Allein fast 500 sind in den letzten 5 Jahren hinzugekommen. Schwerpunkt ist hierbei das verarbeitende Gewerbe mit über 1.700 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten. Bereits an zweiter Stelle steht das Gesundheits- und Sozialwesen mit 837 Arbeitsplätzen, was vor allem auf Dinkelsbühl als Klinikstandort beruht, gefolgt vom Handel, dem Baugewerbe und der Finanz- und Versicherungsbranche – jeweils zwischen 200 und 400 Arbeitsplätze. Im Businesspark im Dinkelsbühler Ortsteil Waldeck wird es mit dem Bau von 14 ha Tomatengewächshäusern, der Erweiterung einer Paneel -Produktionsfirma und dem Bau eines Paketdienstleisters für weitere Betriebsansiedlungen zu eng. Der Stadtrat mit dem seit 2003 an der Spitze stehenden Oberbürgermeister Dr. Christoph Hammer hat deshalb längst die Erschließung weiterer Flächen für Industrie- und Gewerbeanfragen im Dinkelsbühler Stadtgebiet beschlossen, denn eng und knacksig ist es bisher nur in den Treppenaufgängen der Altstadthäuser und da passt es gut dazu und dabei soll es auch bleiben.